23. Juni 2017

KOMMENTAR

von Manfred Radmayr

Zerreißproben


m.radmayr@hallo-zeitung.at

Jeden Tag das gleiche Bild: In unseren Aufnahmespitälern brennt der Hut. Lichterloh, und nicht erst seit gestern. Tage, an denen sie Notaufnahme haben, sind für die heimischen Krankenanstalten jedesmal eine Zerreißprobe. „Wir wissen am Abend, warum wir müde sind,“ sagt eine Krankenschwester mit bewundernswerter Gelassenheit in der Notfallambulanz eines Linzer Krankenhauses, in der ich als Begleitperson sechs Stunden verbringen durfte. Sechs Stunden, in denen der Patientenansturm nicht abreißt. Sechs Stunden, die offenbaren: Personalmangel, Bettenmangel, Platzmangel. Die Patienten sitzen und liegen zeitweise fast aufeinander. Ihre Anzahl hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht.
Die Krankenschwestern, Pfleger und Mediziner tun unter Zeitdruck und mit großer Verantwortung ihr Bestes. Machen sie einen Fehler, berichten nächsten Tag die Medien. „Lachen Sie mich bitte nicht aus, aber sie kommen vorübergehend auf die Gynäkologie,“ sagt ein Arzt zu einem älteren Mann, der mit einem Lungenleiden aufgenommen werden muss. Bettenmangel!
Der erste Schritt zu einer mittelfristigen Verbesserung der Situation müsste sein, dass sich die verantwortlichen Politiker einige Stunden als unbeteiligte Beobachter in Aufnahmeabteilungen umsehen. Das gilt vor allem für die designierte neue Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander. Und die Basisversorgung außerhalb der Spitäler muss verbessert werden. Etwa durch Primärversorgungszentren, von denen in Oberösterreich das erste diese Woche in Enns eröffnet wird. Der beschönigenden Worte sind genug gewechselt.