23. Oktober 2017

REPORTAGE

Maturantin lehrte in Kamerun

Sie hatte sich freiwillig gemeldet, und sie musste einen Teil ihres Einsatzes sogar selbst finanzieren – doch bereut hat Lisa Hageneder aus Pettenbach ihr einjähriges Engagement in einem Don Bosco-Jugend- und Schulzentrum in Kamerun keine Sekunde: „Jedes Kinderlachen war es wert, dort zu sein“,  erzählt die 19-Jährige, die nach der Matura die Koffer für den Flug nach Afrika gepackt hatte.


Lisa Hageneder war bei ihren Schützlingen rasch sehr beliebt.

Eine ordentliche Schulerziehung ist in Afrika ein wesentlicher Teil der Hilfe zur Selbsthilfe, durch die der Jugend eine Perspektive im eigenen Land vermittelt wird und sie nicht so schnell an eine Flucht nach Europa denken lässt. In diesem Sinne betreibt die Salesianer Ordensgemeinschaft Don Bosco in Ebolowa im westafrikanischen Kamerun ein Sozialprojekt, zu dem vier verschiedene Berufsschulen, ein Internat und ein Jugendzentrum gehören.
Dort hat ein Jahr lang Lisa Hageneder aus Pettenbach ein freiwilliges Volontariat absolviert, für das sie sogar 4.500.- Euro selbst aufgebracht hat. Das war ihr dank der Unterstützung ihrer Familie, der Gemeinde, einiger Firmen und Privatleute möglich. Lisas Aufgaben neben der allgemeinen Kinderbetreuung waren der Musikunterricht und Englischstunden.
„Bei den Kindern war ich rasch bekannt. Nicht nur, weil ich weiß bin, sondern weil ich die mit der Gitarre war,“ erzählt die 19-Jährige nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Dem weißen Teenager mit der Gitarre sind die Kleinen in Scharen zugelaufen, um das Instrument zu bestaunen und sich damit fotografieren zu lassen.
Im Internat hat Lisa nicht nur Gitarre, sondern auch Klavier gelehrt, und sie hat den jungen Mädchen und Buben auch das Notenlesen beigebracht. Ein Schüler bleibt Hageneder besonders in Erinnerung. „Der 14-jährige Pierre-Célestine Abessolo war ein besonderes Talent. Er hat alles ganz schnell verstanden, sowohl das Klavierspiel, das Begleiten mit der Gitarre und das Notenlesen. Hätte er auch privat Zugang zu Instrumenten und Lehrbüchern, er wäre schon lange besser als ich,“ streut die junge Pettenbacherin ihrem Schützling Rosen.
Auch Ferdinand, einen 15-jährigen Englischschüler von ihr, vergisst sie nicht: „Ich versuchte, ihm auch einige Akkorde beizubringen,  aber das war nicht nötig. Jeder liebte es, ihm zuzuhören, auch wenn er nur herumklimperte, wie es ihm gerade einfiel. Ferdinand wurde nämlich mit verkrüppelten Füßen geboren und muss auf den Knien gehen.“
In diesem Zusammenhang hat Lisa Hageneder eine wichtige Erfahrung mitgenommen: „Ich war so positiv überrascht, wie dort mit Behinderten und anderen Benachteiligten umgegangen wird. Sie werden absolut integriert. Da kann man sich bei uns mancherorts ein Beispiel nehmen.“ So hat Lisa in ihrer Englischgruppe unter anderen auch den taubstummen Aristide unterrichtet.
Und wie beurteilt Lisa nach diesem Jahr die europäische Flüchtlingssituation? „Ich traf Menschen, die sehr gerne nach Europa kommen würden. Hätten sie eine Chance, würden sie keine Sekunde zögern.  Aber niemand von ihnen würde eine lebensbedrohliche Reise durch Wüste und Mittelmeer auf sich nehmen.“

Die Kinder genossen auch den Musikunterricht bei der jungen Pettenbacherin, bei dem es meistens sehr lustig zugegangen ist. „Ich bin sehr froh über die Erfahrung, die ich in diesem Jahr machen durfte, und die mich mein ganzes Leben prägen wird,“ sagt die 19-Jährige: „In der Entwicklungszusammenarbeit ist mein Beitrag natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber das ändert nichts an seiner Relevanz.“ Lisa beurteilt die Lage in Kamerun politisch und ökonomisch als schlecht, aber die Leute seien nicht so verzweifelt, dass sie in Massen flüchten würden. „Sehr viele Menschen, denen ich begegnet bin, sehen die Lage realistisch, was die Reise nach Europa betrifft, und optimistisch, was ihr Leben vor Ort betrifft. Ihnen ist klar, dass es vernünftiger ist, ihre Energie für ein ordentliches Leben in Kamerun zu verwenden als dem Traum Europa nachzutrauern.“