25. Juni 2018

AKTUELLES

Lokalaugenschein im Gefängnis für geistig abnorme Rechtsbrecher

Hochsicherheitsanstalt bietet viele Freiräume

Geistig abnorme Rechtsbrecher! Das klingt nach Gefahr und Gewalt. Wer die Hochsicherheitsanstalt für gerichtliche Psychiatrie (Forensikzentrum) in Asten betritt, merkt davon nichts. Man hat eher das Gefühl, unter vorwiegend freundlichen Zeitgenossen zu sein. Und Anstaltsleiter Dr. Martin Kitzberger ist alles andere als ein Kerkermeister.


MMag. Dr. Martin Kitzberger (41) aus Leonding leitet das Forensikzentrum seit dessen Eröffnung 2010.

In den Gängen der zehn Wohngruppen und auf den therapeutischen Stationen herrscht kurz vor Mittag reges Treiben, aus den Küchen duftet es nach Fischlaibchen. Alle grüßen schon von weitem. Manche reichen sogar die Hand, einer macht gar einen Hofknicks. Es wird nicht gelärmt, alle bewegen sich frei zwischen Zimmer, Gemeinschaftseinrichtungen, Therapieräumen und Werkstätten. Man fühlt sich wie in einem Internat für Wohlerzogene.
Martin Kitzberger wird von allen Seiten angesprochen. „Ich soll noch immer brandgefährlich sein, dabei habe ich seit 2010 überhaupt nichts mehr gemacht,“ beschwert sich ein  Insasse mit weit aufgerissenen Augen über ein externes Gutachten. „Keine Angst, wir schauen uns das ganz genau an,“ beruhigt ihn Kitzberger.
Ein freundlicher junger Mann führt uns in seine eigenen vier Wände. „Dieses Zimmer ist wirklich wunderbar,“ schwärmt er über die kleine spartanische Unterkunft mit Kasten, Schreibtisch, Bett und Nasszelle. Die Zweibettzimmer sind kaum größer.
Auf einer Couch lümmelt ein ausgebildeter Mediziner und schaut fern. „Grüß Gott, Herr Doktor,“ sagt der Anstaltsleiter zum Zögling, einem paranoiden Querulanten. „Wir haben einen neuen Justizminister von der FPÖ,“ ruft der inhaftierte Arzt. „Da sind sie falsch informiert,“ entgegnet Kitzberger und hört darauf die provokante Frage: „Lesen Sie keine Zeitung?“
Ein Bär von einem jungen Mann hilft gerade bei den Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier samt Theaterstück und Live-Musik und freut sich, „dass auch die Therapiehunde auftreten werden.“
Um Therapien dreht sich der ganze Alltag der geistig abnormen Rechtsbrecher. 160 Mitarbeiter und einige externe Spezialisten kümmern sich um die 170 Insassen. Das kostet viel Geld. Während der Tagsatz für einen „normalen“ Häftling bei 110 Euro liegt, beträgt er im Maßnahmenvollzug 200 Euro.
Wer kooperiert und krankheitseinsichtig ist, darf sogar kurze Ausgänge unternehmen. Jeder Häftling wird einmal jährlich von einem Drei-Richter-Senat und Staatsanwalt angehört und beurteilt. Fällt die Risikoeinschätzung zugunsten des Klienten aus, ist eine bedingte Entlassung unter strengen Vorkehrungen möglich. In Asten kommt das jährlich etwa 30 Mal vor. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 4,5 Jahre, der „längstdienende“ Häftling hat mehr als 15 Jahre am Buckel. Der älteste Insasse ist 80 Jahre alt, auch eine Jugendliche sitzt ein. Die Wiederkehrerquote bei den Entlassenen liegt bei acht Prozent. Kitzberger: „Vier Prozent erfüllen die Auflagen nicht, etwa vier Prozent begehen wieder eine Straftat.“