15. November 2018

KOMMENTAR

von Manfred Radmayr

Zu lange zugeschaut


m.radmayr@hallo-zeitung.at

Es brennt der hut! Klarer kann man es nicht sagen, und man muss Martin König als Geschäftsführer der ARGE Alten- und Pflegeheime dafür dankbar sein (Bericht auf den Seiten 2 und 3). Die Politik hat jahrelang nur Worthülsen wie „Paradigmenwechsel“ produziert, vom Ausbau mobiler Dienste geredet und in Wahrheit die Pflegeproblematik auf die lange Bank geschoben. Jetzt hat Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer den Schwarzen Peter. Sie soll AltenbetreuerInnen aus dem Hut zaubern. Die Pflegeeinrichtungen warten händeringend auf diese Frauen und Männer. Doch sie kommen in viel zu geringer Zahl.
Das wird sich auch nicht schnell ändern. Die brummende Wirtschaft eröffnet derzeit am Arbeitsmarkt viele Möglichkeiten. Zahlreiche Branchen und große Unternehmen mit Weltruf, wie beispielsweise KTM, suchen Mitarbeiter und locken mit großzügigen Angeboten. Da bleibt der Pflegeberuf ein Stiefkind, obwohl man auch hier Flexibilität zeigt. Teilzeit- oder Nachtdienstwünsche werden bestmöglich erfüllt. Martin König: „Die Mitarbeiter kriegen alles, auch wenn das die Organisation erschwert.“ Die Teilzeitquote liegt mittlerweile bei 70 bis 80 Prozent.
Nicht alles, aber ein springender Punkt ist die Entlohnung. Die Altenbetreuung ist sicher nicht überbezahlt, aber auch kein Bettelberuf mehr. Für eine 25-Stunden-Woche erhält man etwa so viel wie eine Supermarkt-Kassiererin in Vollzeit. Eigentlich sollten beide mehr bekommen.
Mit mehr Lohn alleine wird man das Pflegeproblem allerdings nicht lösen können. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen. Koste es, was es wolle. Das sind wir uns schuldig. Zugeschaut wurde lange genug.