15. November 2018

AKTUELLES

Das Messie-Syndrom geht um:

Viele Landsleute wohnen im Müll

Wohnung wird zur Müllhalde

Wegwerfen oder aufheben? Diese Frage stellt sich fast täglich. Viele Landsleute entscheiden sich für das Aufheben – sie können nichts wegwerfen. Damit ist man für Experten ein Messie. Jemand, dem die Unordnung über den Kopf wächst. Die Wohnung wird zur Müllhalde. Etwa vier Prozent der Oberösterreicher sind Messies.


Mag. Kerstin Karlhuber und Mag. Christian Lang vom Verein EXIT-sozial helfen Menschen, die unter dem Messie-Syndrom leiden.

Vor einer Woche brannte in Linz-Auwiesen eine Wohnung aus. Der 52-jährige Bewohner konnte in letzter Minute gerettet werden. Die Einsatzkräfte hatten größte Mühe, den Mann zu bergen, denn die Wohnung war total „verstopft“, mit Gegenständen voll geräumt von oben bis unten, von vorne bis hinten.
Das Linzer Brandopfer gehört zu jenen etwa vier Prozent der Oberösterreicher, die offiziell unter dem Messie-Syndrom leiden. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Messie leitet sich aus dem englischen „mess“ ab und bedeutet Unordnung.
Menschen, die unter einem Messie-Symptom leiden, horten alles: Lebensmittel, Kosmetikartikel, Zeitungen, Plastiksackerl, Bekleidung, Bücher, Flugblätter, Werkzeug, Verpackungsmaterial, … Die Wohnung verkommt zur Müllhalde, „sie verliert zunehmend an Funktionalität“, weiß Mag. Christian Lang, Psychologe und Experte für das Messie-Syndrom beim Verein EXIT-sozial. So kann etwa die Dusche nicht mehr benutzt werden, weil dort Stöße alter Zeitungen lagern; oder die Arbeitsflächen der Küche sind so vollgeräumt, dass ein Kochen nicht mehr möglich ist.
Im Unterschied zu einem Sammler oder einer Sammlerin sind Messies nicht immer stolz auf ihren Besitz. Im Gegenteil: Die Ansammlung an gehorteten Gegenständen, die oft ohne Ordnungsstruktur den Wohnraum blockieren, wird als peinlich erlebt. Vereinsamung ist eine häufige Folge, weil Besucher, aber auch der Rauchfangkehrer oder Stromableser nicht mehr eingelassen werden.
Das Messie-Syndrom ist keine psychiatrische Erkrankung, sondern „nur“ das Symptom einer psychischen Störung. Die Ursachen dafür sind vielfältig. „Betroffene leiden häufig unter ihrer inneren und äußeren Welt“, sagt die Soziologin und Psychotherapeutin Mag. Kerstin Karlhuber von EXIT-sozial. „Sie erleben Angstzustände, sie schämen sich, es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen, sie haben nicht selten finanzielle Schwierigkeiten und gefährden ihre Gesundheit“. Eine nachhaltige Hilfe, um dauerhafte und schwerwiegende Folgen zu vermeiden, sei  erforderlich. „Schnelle Lösungen, wie etwa eine gut gemeinte Räumaktion sind hier allerdings keine nachhaltige Hilfe,“ so Kerstin Karlhuber.

EXIT-sozial weist den Weg aus dem Problem

EXIT-sozial ist ein Verein für psychosoziale Dienste, der 1981 in Linz gegründet wurde. Seine Aufgabe ist es, die Situation von Menschen mit psychischen und sozialen Problemen zu verbessern.
In den drei Psychosozialen Zentren in Linz-Urfahr, Wildbergstraße 10a, Eferding und Bad Leonfelden ist Hilfe für die Seele zu finden. Sie reicht vom ersten entlastenden Beratungsgespräch über eine längere Psychotherapie bis hin zur ambulanten psychiatrischen Unterstützung durch Fachärzte. In Linz, Eferding und Bad Leonfelden gibt es psychosozial begleitete Freizeitangebote.
Für Messies hat EXIT-sozial spezielle Hilfsangebote. In Linz und Bad Leonfelden führt man Einzelberatungen durch, in der Zentrale in Linz-Urfahr existiert seit Jahren eine Selbsthilfegruppe für Betroffene und Angehörige, „die überrannt wird“, wie Mag. Martina Hofmair weiß. Ab Jänner 2019 wird es auch eine psychotherapeutisch begleitete Selbsthilfegruppe geben. Unter messie@ exitsozial.at kann man sich dafür anmelden und erhält jederzeit Auskunft und Beratung.
Am Donnerstag, 25. Oktober, findet von 13 bis 17 Uhr im Wissensturm Linz die erste Messie-Fachtagung statt. Fachpersonal aus dem Sozialbereich, Mitarbeiter von Genossenschaften und Hausverwaltungen, Studenten, aber auch Interessenten, Betroffene und Angehörige können daran teilnehmen.
Bei der Veranstaltung referiert der Psychiater Dr. Martin Aigner über „Messie – ein Syndrom, viele Diagnosen“, Mag. Kerstin Karlhuber spricht über „Homo collector - von der Kulturtechnik zur Diagnose“ und die Autorin Margit Schreiner liest aus ihrem neuesten Buch „Kein Platz mehr“.