24. Juli 2019

AKTUELLES

OÖ: Schon 423 Quadratkilometer verbaut

Bodenraub ist eine Landplage

Der Blick des Menschen bleibt gerne oberflächlich. Und so übersehen wir oft: Ohne Boden kein Leben! In einem Quadratmeter Erdreich bis 30 cm Tiefe tummeln  sich weit mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde. Diese Tiere bereiten unsere Lebensgrundlage auf, die durch Verbauung und Klimakrise immer dünner wird.


Schnecken, mit oder ohne Haus, gehören zu den meist nicht sehr gut beleumdeten Bodenbewohnern. Foto:Hermann Oberndorfer

Alles, was wir essen, hat seinen Ursprung im Boden. Für dessen Gesundheit sorgen die Bodentiere. Durch ihre Arbeit können Wasser und Luft besser ins Erdreich eindringen, und sie verwandeln organische Abfälle in nährstoffreichen Humus. Darauf gedeihen wiederum die Pflanzen besser.
Nimmt man den Boden genauer unter die Lupe, findet man auf einem Quadratmeter bis in eine Tiefe von 30 cm etwa 1.600 Milliarden Lebewesen. Zum Vergleich: Auf der Erde leben derzeit „nur“ 7,47 Milliarden Menschen. Unter anderen tummeln sich auf 1 m2: jeweils etwa 50 Asseln, Schnecken und Spinnen, 80 Regenwürmer, jeweils 100 Zweiflüglerlarven und Käferlarven, 10.000 Borstenwürmer, 25.000 Rädertiere, 50.000 Springschwänze, 100.000 Milben, 1 Million Fadenwürmer, Milliarden Bakterien, Pilze, Algen… Insgesamt sind es mehr als 2.000 Tierarten.
Unter den Winzlingen und heimlichen Gartenhelfern stechen einige besonders hervor. Zum Beispiel die Springschwänze. Diese flügellosen Urinsekten sind nur wenige Millimeter groß, können aber bis zu zehn Zentimeter weit springen. Ein besonderer Erdbewohner ist auch das mikroskopisch kleine Bärtierchen,  das an einen Mini-Teddybär erinnert und in den mit Wasser gefüllten Hohlräumen nach Fadenwürmern und Pflanzenzellen sucht.
Das bekannteste Bodentier ist der Regenwurm, der seine Gänge bis zu drei Meter tief in die Erde gräbt und so den Boden lockert und belüftet. Mit seinem Kot düngt er den Boden. Auf einem Hektar Land werden jedes Jahr etwa 250 Tonnen Boden durch Wurmdärme geschleust. Das entspricht dem Ladevolumen von zwei Boeing 747.
Zu diesen beeindruckenden Fakten kommen weitere lebenswichtige Eigenschaften. So wird das Regenwasser beim Sickern durch die Bodenschichten gereinigt und zum künftigen Trinkwasser. 1 m2  Boden kann 1.200 Liter Wasser speichern. Und: 1 m2  Boden ist durch seine Verdunstungsleistung und seinen Kühlungseffekt mit einer Klimaanlage für eine 40 m2 Wohnung vergleichbar. Und das kostenlos und ohne Strom!
Daran erkennt man die Bedeutung des Bodens angesichts der zunehmend heißer werdenden warmen Jahreszeiten. „2017 gab es in Österreich schon mehr Hitzetote als Todesopfer im Straßenverkehr,“ warnt Dr. Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur vor der grassierenden Bau- und Versiegelungswut.
Der Klimaexperte sieht auch für heuer in Oberösterreich eine große Gefahr für Trockenheit. „Das Risiko ist höher als im Vorjahr, wo ja viele Brunnen ausgetrocknet sind,“ so Herbert Formayer: „Die Böden sind noch immer ausgetrocknet. Ihre Speicher füllen sich nur bei überdurchschnittlichen Niederschlägen. Die gab es aber im Winter nicht.“ Auch das Frühjahr verläuft bisher zu niederschlagsarm. „In Oberösterreich gibt es etwa 60.000 Hausbrunnen. Dadurch sind wir durch Trockenheit angreifbarer als andere,“ weiß Umwelt-Landesrat Rudi Anschober.
Ungefähr 75 Prozent aller Böden in Oberösterreich sind Braunerden, die vor allem im Zentralraum, im Inn- und Mühlviertel vorkommen und zu den fruchtbarsten Böden gehören.  Knapp zehn Prozent von Oberösterreichs Böden gehören zum Typ Pseudogley. Der hat eine schwer durchlässige Ton- und Lehmschicht und eignet sich nur mäßig als Ackerland. Rund vier Prozent des heimischen Erdreichs sind Auböden.
Die größte Gefahr für alle Bodentypen ist der Bodenraub, der hurtig voranschreitet. Derzeit wird in Österreich pro Tag eine Fläche von 12,4 Hektar verbraucht, das sind rund 20 Fußballfelder. In Oberösterreich wird täglich eine Fläche von etwa 8.000 m2  versiegelt. Allein 2017 nahm, laut Umweltbundesamt, die versiegelte Bau- und Verkehrsfläche in unserem Bundesland um zwei Quadratkilometer auf 423 Quadratkilometer zu.
Hier schließt sich wieder der Kreis zur Klimakrise. Versiegelte Flächen sind deutlich wärmer als Grünland. Die Hitze nimmt zu, was vor allem ältere Menschen, aber auch Kinder und Personen mit chronischen Erkrankungen gesundheitlich belastet.
Die Kostbarkeit des Bodens rückt das Land Oberösterreich nun mit einem Film und einer Broschüre mit dem Titel „BODEN erLEBEN“ ins Bewusstsein. Der Film dauert 20 Minuten und wird für Kinder ab 8 Jahren empfohlen. Er gibt Weise faszinierende Einblicke in die geheimnisvolle „Unterwelt“. Die Broschüre zum Film ist prall gefüllt mit Fakten, ausdrucksstarken Bildern und Illustrationen. Die Broschüre und die DVD „BODEN erLEBEN“ kann man kostenlos bestellen unter 0732/ 7720-13623 oder auf www. land-oberoesterreich.gv.at.
Unter den tierischen Bodenbewohnern gibt es auch solche mit schlechtem Image. Dazu gehören die Schnecken, denen ab 17. Mai eine große Ausstellung im Biologiezentrum Linz gewidmet ist. Die Schau heißt „Streck die Fühler aus!“ und zeigt Schnecken in ihrer vollen Pracht. Zu denWeichtieren gibt es auch interaktive Aufgaben. Die Ausstellung dauert bis 1. März 2020.