24. November 2020

KOMMENTAR

Wie auf der Titanic


m.radmayr@hallo-zeitung.at

100 Millionen Schilling sind sehr viel Geld und jene Summe, mit der sich Wolfgang Rieger, der ehemalige Präsident des Fußballklubs LASK, 1998 nach Südfrankreich aus dem Staub gemacht hatte. Kurz darauf wanderte er ins Gefängnis, weil seine Rieger-Bank mit etwa 690 Millionen Schilling in die Pleite gegangen war. Es war eine von zwölf Bankenpleiten in Österreich in 30 Jahren. Im jüngsten Fall, der Commerzialbank Mattersburg, beträgt der vorerst bekannte Schuldenstand etwa 690 Millionen Euro.
Für Otto Normalverdiener und Anna Mustersparer waren schon 690 Millionen Schilling eine riesige Summe, jetzt sind 690 Millonen Euro fast ein Klacks. Dazwischen liegen nur 22 Jahre, in denen das Jonglieren mit Geld ein unvorstellbares Ausmaß annahm. Das von der EU beschlossene Hilfspaket inklusive gemeinschaftlicher Schulden beträgt 750 Milliarden Euro, der globale Schuldenberg, also das angehäufte Defizit von Firmen, Banken, Staaten und Privathaushalten, stieg zwischen 1999 und 2019 um 216 Prozent auf 255 Billionen US-Dollar. Das entspricht fast dem Dreifachen der weltweiten Wirtschaftsleistung. Und da sind alle coronabedingten Schulden noch gar nicht mitgerechnet.
Angesichts dieser Zahlen kann einem schwindlig werden, doch man hört kaum Alarmglocken. Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn jedoch warnt, dass sich die Geschichte wiederholen könnte und „wir ähnlich wie nach dem 2. Weltkrieg und der Spanischen Grippe eine heftige Inflation kriegen.“ Man fühlt sich wie auf der Titanic, wo die Musik spielte, als das Schiff schon unterging.

Autor: von Manfred Radmayr