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Das neue Gletscherinventar weist für 2021 bis 2023 noch rund 285 Quadratkilometer Eisfläche aus. 95 zuvor erfasste Gletscher sind verschwunden oder nicht mehr kartierbar.
Österreichs Gletscher haben binnen rund zwei Jahrzehnten 31 Prozent ihrer Fläche verloren. Das fünfte österreichische Gletscherinventar weist für den Erhebungszeitraum 2021 bis 2023 noch 799 Gletscher mit insgesamt 285 Quadratkilometern Fläche aus. Mitte der 2000er-Jahre waren es rund 415 Quadratkilometer. Der Rückgang betrifft vor allem die alpinen Regionen, hat aber auch Bedeutung für den Wasserhaushalt, die Wasserkraft und den Umgang mit Naturgefahren.
Die Bestandsaufnahme wurde von Forschenden aus elf österreichischen Institutionen erstellt. Ihre Ergebnisse zeigen nicht nur eine kleinere Eisfläche, sondern auch eine stark veränderte Größenverteilung: 87 Prozent der verbliebenen Gletscher sind kleiner als 0,5 Quadratkilometer. Nur neun erreichen noch eine Fläche von mehr als fünf Quadratkilometern.
129 Quadratkilometer Eisfläche gingen verloren
Gegenüber dem vorangegangenen Inventar für die Jahre 2004 bis 2012 verringerte sich die österreichische Gletscherfläche um 129 Quadratkilometer. Die wissenschaftlich ausgewiesene Unsicherheit beträgt dabei 23 Quadratkilometer. Für die aktuelle Gesamtfläche von 285 Quadratkilometern geben die Forschenden eine Unsicherheit von zwölf Quadratkilometern an.
Die zeitliche Zuordnung ist für die Einordnung wesentlich: Die nun veröffentlichten Ergebnisse beschreiben keinen punktgenauen Stand im Oktober 2026. Sie beruhen auf Aufnahmen aus den Jahren 2021 bis 2023. Weil nicht alle Gebirgsgruppen gleichzeitig kartiert werden können, bildet ein Gletscherinventar immer einen mehrjährigen Erhebungszeitraum ab.
Von den 894 Gletschern des vorherigen Inventars waren 95 vollständig verschwunden oder nicht mehr als eigenständige Gletscher kartierbar. Besonders hohe relative Verluste verzeichneten Gebirgsgruppen, in denen viele kleine Eisflächen liegen. Im Rätikon und am Hochkönig gingen jeweils mehr als 80 Prozent der zuvor ausgewiesenen Gletscherfläche verloren.
Kleine Gletscher reagieren besonders deutlich
Der hohe Anteil sehr kleiner Gletscher ist für die weitere Entwicklung bedeutsam. Kleine Eisflächen verfügen über weniger Reserven und können bei anhaltendem Rückgang rascher zerfallen oder vollständig verschwinden. Die Zahl einzelner Gletscher ist allerdings nicht mit ihrer Fläche gleichzusetzen: Ein kleiner Restgletscher zählt in der Statistik ebenso als eigenes Objekt wie eine wesentlich größere Eisfläche.
Für das Inventar wurden hochauflösende Orthofotos und digitale Höhenmodelle ausgewertet. Die Gletscherumrisse wurden manuell digitalisiert. Damit lassen sich auch unregelmäßige Ränder, abgetrennte Eisreste und teilweise von Schutt bedeckte Bereiche beurteilen. Wegen des beschleunigten Wandels empfehlen die Autorinnen und Autoren, das österreichische Gletscherinventar künftig häufiger zu aktualisieren.
Folgen für Abfluss und Wasserkraft
Gletscher speichern Niederschlag über längere Zeit und geben Schmelzwasser zeitlich verzögert ab. Mit kleiner werdenden Eisflächen verändert sich dieser Beitrag zum Wasserhaushalt. Nach Einschätzung der Glaziologin Andrea Fischer sinkt mit dem Verlust früherer Gletscherzungen und der Ausdünnung der höher gelegenen Nährgebiete der Gesamtabfluss aus den Gletschern.
Daraus folgt nicht automatisch eine unmittelbare oder österreichweite Wasserknappheit. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Einzugsgebiet, Jahreszeit, Niederschlagsentwicklung und Nutzung. Für hydrologische Modelle sind aktuelle Flächendaten dennoch wichtig, weil sie helfen, Veränderungen des Abflusses in alpinen Regionen genauer abzuschätzen.
Auch für Wasserkraftanlagen kann der Gletscherrückgang relevant sein. Schmelzwasser transportiert Gestein und feines Sediment. Dieses Material kann sich in Flüssen und Speichern ablagern oder technische Anlagen beanspruchen. Bei Turbinen kann stark sedimenthaltiges Wasser zu zusätzlichem Verschleiß führen. Welche Folgen tatsächlich eintreten, hängt jedoch von den örtlichen Verhältnissen und den vorhandenen Schutzmaßnahmen ab.
Neu eisfreie Flächen verändern das Gelände
Wo sich das Eis zurückzieht, bleiben Fels, Lockermaterial und Schutt zurück. Solche Flächen können bei Starkregen leichter mobilisiert werden. Dadurch können sich lokal die Voraussetzungen für Muren oder erhöhten Sedimenteintrag verändern. Zusätzlich kann tauender Permafrost Hänge und Felsbereiche destabilisieren. Das Inventar allein erlaubt keine Vorhersage einzelner Ereignisse, liefert aber eine Grundlage für Gefahrenbeurteilungen und die laufende Beobachtung alpiner Räume.
Die neu eisfreien Flächen sind auch für Karten, Raumbeobachtung und Forschung relevant. Bisher vom Eis bedeckte Geländestrukturen werden sichtbar, Abflusswege können sich verlagern und Gletscher können in mehrere Teile zerfallen. Regelmäßige Kartierungen dokumentieren diese Veränderungen und verbessern die Datengrundlage für Behörden, Kraftwerksbetreiber und das Naturgefahrenmanagement.
Das neue Gletscherinventar zeigt damit mehr als einen Flächenverlust: Österreichs verbleibende Eisflächen werden zunehmend klein und fragmentiert. Für den praktischen Umgang mit den Folgen werden häufigere Vermessungen sowie regional differenzierte Daten zu Abfluss, Sedimenttransport und instabilen Hängen wichtiger.

