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69,2 Prozent der Abgänge voll qualifizierter Lehrkräfte betreffen Personen mit höchstens fünf Jahren Berufserfahrung. Insgesamt ist die österreichische Abgangsquote jedoch niedriger als im OECD-Schnitt.
Österreich verliert auffällig viele Lehrkräfte bereits in den ersten Jahren ihrer beruflichen Laufbahn. Laut dem OECD-Bericht „Education at a Glance 2026“ entfielen im Schuljahr 2024/25 insgesamt 69,2 Prozent der Abgänge voll qualifizierter Lehrkräfte auf Personen mit höchstens fünf Jahren Berufserfahrung. Der Vergleichswert jener 14 OECD-Bildungssysteme, für die entsprechende Daten vorlagen, betrug 37,5 Prozent. Der Befund ist für Österreichs Schulen relevant, weil junge beziehungsweise neu eingestiegene Lehrkräfte besonders an Volks- und Mittelschulen einen wesentlichen Teil des Personals stellen.
Hoher Anteil früher Abgänge, aber niedrigere Gesamtquote
Die Zahlen zeichnen kein Bild eines generell außergewöhnlich hohen Personalabgangs. Im Schuljahr 2024/25 verließen 5,8 Prozent der voll qualifizierten Lehrkräfte an öffentlichen Primar- und Sekundarschulen den Beruf durch Pensionierung oder Kündigung. Im OECD-Durchschnitt waren es 6,4 Prozent, im EU-Durchschnitt 6,9 Prozent.
Das österreichische Problem liegt damit vor allem in der Zusammensetzung dieser Abgänge: Mehr als zwei Drittel betrafen Lehrkräfte, die erst höchstens fünf Jahre Berufserfahrung hatten. Dieser Anteil lag deutlich über dem Vergleichswert von 37,5 Prozent.
Die Kennzahl darf allerdings nicht missverstanden werden. Sie bedeutet nicht, dass 69,2 Prozent aller neu eingestiegenen Lehrkräfte den Beruf innerhalb von fünf Jahren verlassen. Gemessen wird vielmehr, welcher Anteil sämtlicher Abgänge auf Personen in der frühen Berufsphase entfällt. Für eine individuelle Wahrscheinlichkeit, den Lehrberuf wieder aufzugeben, liefert dieser Wert allein keine Grundlage.
Auch die internationale Vergleichbarkeit ist begrenzt: Für diesen Indikator standen der OECD lediglich Angaben aus 14 Bildungssystemen zur Verfügung. Das Bildungsministerium weist auf diese Einschränkung ausdrücklich hin.
Zufriedenheit und Einkommensnachteil bestehen nebeneinander
Bei der Bewertung des Lehrberufs zeigt der OECD-Bericht ein zweigeteiltes Bild. In Österreich waren 81,6 Prozent der befragten Lehrkräfte der Sekundarstufe I mit ihren Beschäftigungsbedingungen zufrieden. 71,9 Prozent gaben an, mit ihrem Gehalt zufrieden zu sein.
Gleichzeitig besteht gegenüber anderen Erwerbstätigen mit tertiärem Bildungsabschluss ein rechnerischer Einkommensnachteil. Lehrkräfte der Primarstufe verdienten durchschnittlich 24 Prozent weniger als andere Beschäftigte mit vergleichbarem Bildungsniveau. In der Sekundarstufe I betrug der Unterschied 17 Prozent. Die Werte vergleichen Durchschnittseinkommen unterschiedlicher Berufsgruppen und sagen nichts über einzelne Gehälter aus.
Die OECD erörtert Arbeitsbelastung, Unterstützung während des Berufseinstiegs und die allgemeine Attraktivität der Laufbahn als relevante Faktoren für die Bindung von Lehrkräften. Aus den vorliegenden Kennzahlen lässt sich jedoch keine einzelne Ursache für die frühen Abgänge in Österreich ableiten.
Junge Lehrkräfte sind an Pflichtschulen besonders wichtig
Wie bedeutsam die Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger für das Schulsystem sind, zeigen Daten von Statistik Austria. Im Schuljahr 2024/25 waren 18 Prozent der Lehrkräfte an Volksschulen jünger als 30 Jahre. An Mittelschulen lag der entsprechende Anteil bei 16,4 Prozent.
Alter und Berufserfahrung sind zwar nicht gleichzusetzen: Auch ältere Personen können neu in den Lehrberuf einsteigen, etwa über einen Quereinstieg. Dennoch verdeutlichen die Zahlen, dass ein dauerhafter Verlust von Beschäftigten am Beginn ihrer Laufbahn die Personalplanung gerade an Volks- und Mittelschulen erschweren kann.
Von einem flächendeckenden akuten Lehrkräftemangel lässt sich aus dem OECD-Bericht allerdings nicht ableiten. Der rechnerische Mangel vor beziehungsweise zu Beginn des Schuljahres 2024/25 entsprach in Österreich einem Prozent aller Stellen. Zudem waren 6,7 Prozent der Lehrkräfte nicht voll qualifiziert; der OECD-Durchschnitt lag bei 9,1 Prozent. Regionale Unterschiede sowie Engpässe in einzelnen Unterrichtsfächern werden durch solche bundesweiten Durchschnittswerte nicht vollständig abgebildet.
Mentoring und bessere Unterstützung als Ansatzpunkte
Bildungsminister Christoph Wiederkehr erklärte anlässlich des Berichts, die Arbeitsbedingungen müssten weiter verbessert werden, damit junge Lehrkräfte langfristig im Beruf bleiben. Konkrete Wirkungen einzelner Maßnahmen lassen sich aus den OECD-Daten noch nicht ableiten.
Als mögliche Ansatzpunkte gelten strukturierte Einstiegsprogramme, Mentoring, mehr Entscheidungsspielraum, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie Unterstützung bei administrativen und digitalen Aufgaben. Die Wirtschaftskammer Österreich fordert darüber hinaus stärkere Schulleitungen, eine vorausschauende Personalplanung und die gezielte Gewinnung von Quer- und Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern. Diese Forderungen sind auch vor dem Interesse der Unternehmen an ausreichend qualifizierten Schulabsolventinnen und Schulabsolventen zu sehen.
Für die österreichische Bildungspolitik ergibt sich damit eine präzisere Aufgabe als die bloße Anwerbung zusätzlichen Personals: Entscheidend ist, neu gewonnene und ausgebildete Lehrkräfte über die ersten Berufsjahre hinaus an den Schulen zu halten. Ob Unterstützungsprogramme dabei wirken, wird sich nur anhand künftiger Abgangs- und Verbleibsdaten beurteilen lassen.

