Mithilfe von KI erstellt
Das von der ÖAW mitentwickelte KI-Modell bearbeitet bereits transkribierte Papyri und Inschriften. Es soll auch die wissenschaftliche Erschließung der Wiener Papyrussammlung unterstützen.
Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat am 23. September 2026 das KI-Sprachmodell Apollo Restore öffentlich vorgestellt. Das System erstellt Vorschläge für physisch fehlende Zeichen und Passagen in bereits transkribierten altgriechischen Texten. Für die österreichische Forschung ist das insbesondere wegen der Papyrussammlung in der Wiener Hofburg relevant: Von ihren rund 180.000 Einzeldokumenten wurden in etwa 140 Jahren erst rund acht Prozent wissenschaftlich publiziert.
Apollo Restore wurde von der ÖAW gemeinsam mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral AI und dem IT-Dienstleister SAIL Reply entwickelt. Das Modell liefert mehrere mögliche Ergänzungen für Textlücken. Welche Variante sprachlich und historisch plausibel ist, müssen weiterhin Fachleute aus Papyrologie, Epigraphik und Philologie beurteilen.
Schwer lesbare Schrift auf einem Papyrusbild entziffert das System in seiner ersten Ausbaustufe nicht selbstständig. Es arbeitet mit Texten, deren noch erkennbare Zeichen zuvor in eine maschinenlesbare Form übertragen wurden. Diese Abgrenzung ist wesentlich: Apollo Restore ergänzt fehlenden Text, ersetzt aber weder die Transkription noch die wissenschaftliche Interpretation eines Dokuments.
Spezialisiertes Modell mit 24 Milliarden Parametern
Apollo Restore basiert auf Mistral Small und verfügt über 24 Milliarden Parameter. Für die Spezialisierung auf historisches Griechisch wurden nach Angaben der ÖAW rund 600 Millionen Wörter aus Handschriften, Papyri und Inschriften verwendet.
Beim Training kam ein sogenanntes Fill-in-the-Middle-Verfahren zum Einsatz. Dabei lernt das Modell nicht nur, einen begonnenen Text fortzusetzen. Es soll vielmehr eine Lücke zwischen einem bekannten Abschnitt davor und einem bekannten Abschnitt danach füllen. Das entspricht einer häufigen Aufgabe bei fragmentarisch erhaltenen antiken Schriftstücken, auf denen einzelne Buchstaben, Wörter oder ganze Passagen physisch fehlen.
Die KI greift dabei nicht auf gesichertes Wissen über die ursprüngliche Formulierung einer konkreten Textstelle zurück. Sie berechnet anhand sprachlicher Muster und des vorhandenen Zusammenhangs, welche Zeichenfolgen wahrscheinlich in die Lücke passen könnten. Die Vorschläge müssen deshalb unter anderem mit Grammatik, Textgattung, Überlieferung, Datierung und historischem Kontext abgeglichen werden.
Top-20-Trefferquote von 80,6 Prozent bei kurzen Lücken
Ein am 18. September 2026 veröffentlichter wissenschaftlicher Preprint nennt für kurze Lücken von höchstens zehn Zeichen unterschiedliche Ergebnisse je nach Textart. Bei dokumentarischen Papyri befand sich die bekannte Ergänzung in 80,6 Prozent der untersuchten Fälle unter den 20 bestgereihten Vorschlägen. Bei literarischen Papyri lag dieser Wert bei 54,6 Prozent, bei Steininschriften bei 61,0 Prozent.
Diese Werte bedeuten nicht, dass Apollo Restore bei dokumentarischen Papyri in vier von fünf Fällen sofort die richtige Antwort an die erste Stelle setzt. Gemessen wurde vielmehr, ob die bekannte Lösung irgendwo unter den ersten 20 Vorschlägen vorkam. Eine solche Rangliste kann Fachleuten dennoch mehrere Varianten für die weitere Prüfung bereitstellen. Der Status als Preprint bedeutet zugleich, dass die Arbeit zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht als begutachteter Fachzeitschriftenartikel ausgewiesen war.
An einer im Preprint beschriebenen Blindstudie nahmen 20 Fachleute aus Papyrologie, Epigraphik und Philologie teil. In 77 Prozent der untersuchten Fälle bewerteten sie die Leistung des Modells als mindestens ebenso gut wie menschliche Rekonstruktionen. Daraus lässt sich keine allgemeine Überlegenheit der KI ableiten. Bei antiken Fragmenten können mehrere sprachlich mögliche Ergänzungen bestehen, deren Bewertung vom jeweiligen historischen Zusammenhang abhängt.
Wiener Papyrussammlung als mögliches Anwendungsgebiet
Die Papyrussammlung in der Wiener Hofburg umfasst Dokumente, die überwiegend aus dem antiken Ägypten stammen. Sie sind unter anderem in Altgriechisch, Arabisch, Latein, Koptisch und Demotisch verfasst. Apollo Restore soll zunächst die Arbeit am altgriechischen Bestand unterstützen.
Eine vollständige automatische Erschließung der Sammlung ist damit nicht verbunden. Die Transkription, also die Übertragung der sichtbaren Schriftzeichen in eine maschinenlesbare Form, erfolgt derzeit weiterhin von Hand. Erst auf dieser Grundlage kann das Modell Ergänzungen für physisch fehlende Stellen vorschlagen.
Auch Fragen nach Datierung, Herkunft, Verfasserschaft und Bedeutung eines Dokuments bleiben wissenschaftliche Aufgaben. Forschende müssen die KI-Ausgaben mit dem Original, vergleichbaren Texten und dem historischen Umfeld abgleichen. Apollo Restore ist damit ein Werkzeug zur Unterstützung, nicht aber eine Instanz für verbindliche Rekonstruktionen.
Freier Zugang und weitere Entwicklungsziele
Die erste Stufe des Apollo-Systems wurde nach Angaben der ÖAW für Wissenschaft und Öffentlichkeit frei zugänglich gemacht. Die Projektpartner finanzierten die Entwicklung laut Akademie mit rund 400.000 Euro. Das System befindet sich demnach im Eigentum der ÖAW und wird als Open-Access-Anwendung angeboten.
Apollo Restore entstand innerhalb der von der ÖAW geleiteten Initiative Decoding Antiquity. Als weitere Entwicklungsziele nennt die Akademie Werkzeuge zur Entzifferung bislang ungelesener Papyri, eine semantische Suche sowie ein vergleichbares Modell für lateinische Quellen. Dabei handelt es sich um geplante Ausbauschritte und nicht um Funktionen der vorgestellten ersten Stufe.
Für die Wiener Papyrussammlung kann das Modell vor allem dabei helfen, Ergänzungsvorschläge schneller zu erstellen und große Mengen bereits transkribierter Texte systematischer zu bearbeiten. Ob dadurch wesentlich mehr Dokumente publiziert werden können, hängt jedoch ebenso von Digitalisierung, Transkription und verfügbaren Fachkräften ab. Die wissenschaftliche Verantwortung bleibt bei den Forschenden, die jeden Vorschlag anhand des überlieferten Materials prüfen müssen.
